Nach meinen ersten Wochen remote möchte ich nun wirklich jedem endgültig die Illusion nehmen, dass die Teilnahme am Remote Year ein Jahr lang Urlaubsfeeling bedeutet: Ja, ich bin im Ausland, aber nein, ich mache dort keinen Urlaub. Die Welt auf diese Art zu bereisen und zugleich zu arbeiten, ist eine unglaubliche Möglichkeit. Aber es ist alles andere als Urlaub. Ohne die entsprechende Motivation für die eigene Tätigkeit und die Bereitschaft sich selbst deutlich mehr als im regulären Berufsalltag zu strukturieren und zu organisieren, geht es aus meiner Sicht und meinen bisherigen Erfahrungen heraus nicht. Einmal wöchentlich Home Office oder 100% mobil arbeiten und die Welt zu bereisen, ist ein großer Unterschied. Sicherlich eine der größten Herausforderungen innerhalb der Aufenthaltsdauer von 4 Wochen in einem Land: Neben dem Arbeiten zusätzlich an Kultur und Leben teilzuhaben und darüber hinaus die persönlichen Ansprüche zu bedienen, mit denen man in dieses Jahr gestartet ist. Dies alles parallel zu managen, gilt es nun mit viel Selbstorganisation und -struktur zu meistern. Eine große Unterstützung hierbei ist die Organisation durch Remote Year. Warum digitale Nomaden, die ohne Organisation unterwegs sind, nicht ständig ihren Aufenthaltsort wechseln, verstehe ich daher bereits innerhalb weniger Tage. Sowohl privat als auch beruflich hat sich mit Remote Year mein Leben von 0 auf 100 um 180° verändert.

Die Rahmenbedingungen, die ein normaler Berufsalltag im Büro bietet, fallen weg.

Der Aspekt „Arbeit“ ist für mich bereits ab dem ersten Tag mit Start in das Remote Year omnipräsent. Ganz anders ist das im Berufsalltag. Hier verlässt man nach Feierabend auch die arbeitenden Kollegen und das Arbeitsumfeld. Aufgrund der Zeitverschiebungen zu verschiedenen Ländern, wird hier bei 75 Teilnehmern nahezu zu allen Tages- und Nachtzeiten im Coworking Space und anderen Orten gearbeitet. Für mich ist sowohl die Arbeit in einem Coworking Space als auch an anderen Orten außerhalb meines Home Offices vor Remote Year unbekannt. Einige Remotes aus der Community arbeiten schon seit Jahren aus der Ferne für Unternehmen oder als Selbständige. Sie bestätigen mir meinen persönlichen Eindruck: Es ist das „A und O“ sich in diesem Lebensstil entsprechende Strukturen aufzubauen und es klingt viel einfacher als es getan ist – auch ohne den Faktor monatlicher Wohnortwechsel weltweit. Die Rahmenbedingungen, die ein normaler Berufsalltag im Büro bietet, fallen weg. Ohne Selbstdisziplin und das Aufbauen von eigenen Strukturen geht die 100%-ige mobile Arbeit nicht.

Co-Working

Beruflich habe ich mit meinem Vorgesetzten vor Abflug vereinbart, zunächst im neuen Remote-Leben anzukommen und anschließend unsere interne Organisation im Detail zu klären. Nach einer Woche gehen wir meine ersten Erfahrungen und Eindrücke durch. Ich unterbreite anschließend Vorschläge für die künftige remote Zusammenarbeit. Hierbei stehen meine Kunden – Führungskräfte und Mitarbeiter – im Fokus, als auch die Zusammenarbeit mit meinen Kollegen und die remote Betreuung meiner Praktikanten. Wir definieren ein Zeitfenster, in welchem ich in jedem Fall mit voller Arbeitsausstattung – Laptop und Smartphone – arbeite. Hierin halte ich vor allem telefonische Meetings ab und bin in Kontakt mit meinen Kunden. Die Erreichbarkeit für dringende Themen und Meetings außerhalb des Zeitfensters sprechen wir ebenfalls ab. Mögliche Abwesenheiten innerhalb des  Zeitfensters pflege ich deutlich gekennzeichnet in meinen Kalender ein, sodass jeder meiner Kollegen stets weiß, wann ich abwesend bin. Mein definiertes Zeitfenster ist aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit als Personalerin und notwendigen Erreichbarkeit ein, im Vergleich zu den anderen Remotes, langes. Dennoch kann ich die Zeiten außerhalb definieren und ich lege hierin vor allem meine konzeptionellen Tätigkeiten und Themen, die ich unabhängig von Kunden und Kollegen bearbeiten kann. Das definierte Zeitfenster gibt den Rahmen, den ich für die Zusammenarbeit mit den Kollegen sowie Führungskräften und Mitarbeitern meiner Betreuungsbereiche benötige. Die flexible Einteilung meiner Arbeitszeiten außerhalb des Zeitfensters gibt mir wiederum die Möglichkeit, Tätigkeiten in Abhängigkeit des Themas selbstbestimmt zu bearbeiten. Dennoch merke ich, dass ich mit meinen Arbeitszeiten zunächst gar nicht so sehr von dem abweiche, wie ich sonst auch arbeite. Die remote Zusammenarbeit klappt aus meiner Sicht bisher sehr gut. So werde ich teilweise zu Beginn meiner Telefonate gefragt, wann es denn bei mir losgeht und auf den Hinweis, dass ich bereits seit geraumer Zeit in Prag bin, ergibt sich eine positive Überraschung. Via Skype mache ich meine Anrufe oder Meetings und bis jetzt hat die Technik ohne Ausfälle funktioniert. Toi toi toi.

Es gilt schnellstmöglich alles in vier Wochen Aufenthalt zu organisieren, um tatsächlich leben zu können.

Neben den beruflichen Aspekten bedeutet Remote Year auch privat eine Herausforderung, die natürlich genauso in die Gesamt-Erfahrung Remote Year hineinspielt: Alles was zuhause so selbstverständlich und bekannt ist, wie bspw. der Biomarkt ums Eck, das Fitnessstudio oder auch der VHS Kurs, muss hier innerhalb kürzester Zeit gefunden werden, um sich schnellstmöglich in den vier Wochen Aufenthalt zu organisieren und tatsächlich leben zu können. Die anderen Remotes und die Organisation sind eine enorme Hilfe und schaffen die Basis dafür, dass ich neben der Arbeit auch Stadt, Land und Leute kennen lernen kann, ohne mich in einen mehrstündigen Rechercheprozess zu stürzen. Wer etwas entdeckt oder unternimmt, informiert den Rest. Events, Touren, Austausch unter den Teilnehmern und Netzwerktreffen werden organisiert und mit zwei Klicks bin ich bei den Aktionen angemeldet, die mich interessieren. Das Angebot an Möglichkeiten und die Medien, durch die die Remote Year Gruppe organisiert wird, sind unendlich und überfahren einen zu Beginn nahezu.

Reamote Year

Innerhalb kürzester Zeit nach Start des Programmes wird mir deutlich bewusst, welchen enormen Stellenwert die Themen Selbstdisziplin und Selbstorganisation haben. Um allen Bereichen – dem Arbeiten, dem Reisen und Entdecken und den Nebenprojekten – gerecht zu werden und dies gesamthaft als Lebensstil zu verankern. Die Herausforderung am Remote Year besteht für die meisten darin, eine entsprechende Balance zu finden und sich nicht im Überfluss an Möglichkeiten zu verlieren. Ich bin froh, dass wie ich, auch die anderen Remotes den Aspekt Arbeit an vorderster Stelle platzieren. Für jeden gilt es, Möglichkeiten zu finden, den anderen Aspekten ebenfalls gerecht zu werden. Mir wird klar, dass dies von nun an ein stetiger Prozess während meinen Länder- und Städtewechseln sein wird.

Die Trennung von Beruflichem und Privatem – schwierig.

Was gibt es in Summe nun aus meinen ersten Erfahrungen zu sagen? In erster Linie, dass es sehr schwierig ist, Berufliches und Privates als getrennte Aspekte im Remote Year zu betrachten. Schließlich besagt dies auch das Konzept: Es geht um „Arbeiten während man reist und lebt“. Für mich persönlich, und das ist in meinen Augen ebenfalls ein Thema meiner Generation, ist diese Trennung auch nicht erstrebenswert. Work Life Balance bedeutet für mich in diesem Zusammenhang beides bestmöglich miteinander zu verflechten und zu strukturieren und hierbei größtmöglich selbstbestimmt agieren zu können.

 

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