Oder anders: Wie ich versuche mich zur digitalen Nomadin zu transformieren, dabei 10 Länder in 12 Monaten bereise und remote, also aus der Ferne, in einem Pilotprojekt meines Unternehmens in meiner HR Tätigkeit arbeite.

75 digitale Nomaden ein Jahr lang auf Weltreise.

Remote Year ist eine amerikanische Organisation und bringt 75 sogenannte digitale Nomaden ein Jahr lang zusammen auf eine Weltreise. Wenn mich jemand fragt, erkläre ich es immer plakativ mit den Worten: Ein Jahr Home Office bzw. mobiles Arbeiten von überall aus der Welt aus. Die 75 Leute sind aus der ganzen Welt. Um teilnehmen zu können, muss man sich online bewerben und durchläuft einen mehrstufigen Bewerbungsprozess. Die Bewerberzahlen geben dem Bedarf an solchen Programmen recht: seit Gründung in 2015 haben sich über 100.000 Menschen beworben. Das Länderprogramm steht bereits zu Beginn fest, die Stadt wird jeden Monat gewechselt. Hier mein Programm:

1) Prag, Tschechien

2) Belgrad, Serbien

3) London, England

4) Lissabon, Portugal

5) Rabat, Morokko

6) Valencia, Spanien

7) Mexico City, Mexiko

8) Bogotá, Kolumbien

9) Medellin, Kolumbien

10) Lima, Peru

11) Córdoba, Argentinien

12) Buenos Aires, Argentinien

Remote Year Prague

Eine Frage, die mir häufig gestellt wurde, ist: Warum willst du das überhaupt machen? Ganz einfach: ich habe enorme Freude an meinem Job. Aber, ich reise auch unendlich gern und möchte noch mehr von der Welt sehen. Mit einem mehrwöchigen Urlaub habe ich bisher nur meine Reiselust verstärkt, statt mich damit zufrieden zu geben. Aber muss sich das Eine denn durch das Andere ausschließen? Mit Remote Year scheinbar nicht. Klar, nicht jeder Job eignet sich für eine Remote Tätigkeit. Als Grafiker oder Webdesigner geht das sicherlich einfacher als – als Personaler. Tatsächlich? Ich werde es herausfinden.

Remote Year ist kein Jobanbieter

Jeder Teilnehmer ist selbst dafür verantwortlich einen Job zu haben, in welchem er remote arbeiten kann. Remote Year übernimmt jedoch die gesamte logistische Organisation. Es werden die Unterkünfte und Transporte organisiert sowie die Kommunikation unter der Community und dazugehörige Events und verschiedene Trips. Zudem, und das ist wohl der wichtigste Aspekt, kümmert sich Remote Year um einen Co-Workingspace in jeder Stadt mit 24/7 Internetverbindung und Arbeitsinfrastruktur. Bei einer regulären Arbeitswoche von Mo-Fr ist es auch mehr als wertvoll, dass die gesamte Organisation abgenommen wird, um sich voll auf die remote Arbeit zu konzentrieren. Denn, sind wir doch mal trotz attraktivem Konzept ehrlich, das Reisen selbst kostet Zeit und Kraft, die Eingewöhnung und das Zurechtfinden an die jeweilige Umgebung sollte nicht unterschätzt werden und darüber hinaus muss auch der Faktor Erreichbarkeit und Zeitverschiebung einkalkuliert werden. Wie stark diese Faktoren – positiv oder negativ – in eine Tätigkeit hineinspielen werden, wird sich herausstellen.

Remote year

Ein Jahr lang mit einer Community von 74 interessanten Menschen mit unterschiedlichsten persönlichen und beruflichen Hintergründen die Welt zu bereisen und dabei die logistische Organisation der Transporte und Unterkünfte abgenommen zu bekommen, um sich auf die remote Arbeit zu konzentrieren, macht es für mich aus. Andere (Arbeits-)Kulturen kennen zu lernen, einen Austausch zu finden und meinen Horizont hierdurch zu erweitern. Es ist eine neue Form der Arbeitskultur und  zusätzlich auch ein etwas ungewöhnlicher Lebensstil. Meiner Ansicht nach sollten diese Aspekte auch nicht getrennt betrachtet werden. Für mich persönlich ist sowohl der Aspekt der „Arbeit“, der „Reise“ als auch der der „Community“ sehr wichtig und so gäbe es für mich kein idealeres Konzept. Und das ist auch der Punkt dabei: Ich bin der Überzeugung, dass es für jeden individuell eine Art des Arbeitens gibt, die passt und zu besseren Arbeitsergebnissen und einer höheren Motivation führt. Nicht jeder möchte von „9 to 5“ nur am Schreibtisch sitzen, wenn er die Arbeit auch woanders genauso gut oder sogar besser erledigen kann. Aber genauso wenig wäre die Lebensform als Digitaler Nomade für jede Person geeignet.  Nicht jeder möchte ständig unterwegs sein, örtlich völlig losgelöst arbeiten und keinen persönlichen Kontakt mehr mit den Kollegen haben. Individuelle Zwischenlösungen sind daher aus meiner Sicht angebracht.

Wer aber ist der Durchschnitt-Remote und dessen Mindset? Die 74 anderen kenne ich zunächst nur virtuell in Facebook. Alle mit unterschiedlichsten beruflichen Hintergründen und Geschäftsmodellen. Interessanter Weise gibt es bereits vor Beginn einen unglaublichen Austausch und viele gemeinsame Pläne in der Gruppe. Mit Sicherheit etwas was diese Gruppe an Personen gemeinsam hat: ein gesundes Maß an Angst, was kommen wird, gepaart mit Freude am Ungewissen und hohen Ambitionen das Größtmöglichste aus diesem Jahr zu holen. Was mein Ziel für dieses Jahr ist? Ganz einfach: to become the best possible me. Jeder will sein Wissen und seine Kompetenzen anbieten und zeitgleich möglichst viel Neues dazulernen und sich weiterentwickeln – persönlich wie auch beruflich. Die ausgewählten Teilnehmer sind sowohl bei Firmen angestellt, als auch als Freelancer/Selbständige tätig. Die Mehrheit ist aus Amerika, einige aus Australien, Europa und auch Asien ist vertreten. Alle sind gedrängt vom Wunsch eine neue Arbeitskultur zu leben, die Welt zu sehen und lassen ihre alten Leben für dieses Jahr hinter sich. Sie geben einiges auf, haben Wohnungen und Autos verkauft, lassen Familien und Freunde zurück. Teilweise haben Teilnehmer ihre Jobs gekündigt, um am Remote Year teilzunehmen. Allesamt scheinen neben ihrer Spontanität und Offenheit sehr strukturiert, diszipliniert und ambitioniert zu sein. Es durch den Austausch mit diesen Teilnehmern als eine Erfahrung mit „Blick über den Tellerrand“ auszudrücken, wäre in jedem Fall untertrieben.

Vom Angestellten am Schreibtisch hin zum digitalen Nomaden.

Wenn ich mir die Gruppe und die bisher vorhanden Informationen zu den Teilnehmern anschaue, bin ich schlichtweg beeindruckt von so viel Motivation und Gestaltungswille. Ich sehe den Entrepreneur oder auch Intrapreneur vor mir – passt ein solcher Remote denn aber überhaupt in eine klassische Unternehmens- und vor allem Hierarchiestruktur? Ich selbst bin gespannt wie meine eigene digitale Transformation nun am eigenen Körper gelingt – vom Angestellten am Schreibtisch hin zum digitalen Nomaden.

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